| Der Rücken als Bewegungszentrum des Pferdes |
|
Obschon die Hinterbeine für den Abschub der Masse Pferd in die Bewegungsrichtung zuständig sind, ist das eigentliche Bewegungszentrum des Pferdes sein Rücken. Nur ein korrekt nach oben schwingender Rücken ermöglicht Losgelassenheit, Schwung, Schub-, Trag- und Federkraft, Durchlässigkeit sowie ein angenehmes Sitzgefühl. Ausserdem kann nur ein Pferd mit einem gut schwingenden Rücken langfristig gesund und leistungsfähig bleiben. |
|
|
In jeder Reitlehre wird die Wichtigkeit der korrekten Rückentätigkeit betont. Soweit die Theorie. Vermutet wird jedoch, dass in etwa jedes zweite! Pferd an Rückenproblemen leidet. Woran kann das liegen? Hatten Pferde früher tatsächlich weniger Rückenprobleme? Oder ist diese Behauptung der Versuch, Reitern ein schlechtes Gewissen einzureden? Mitnichten! |
|
|
|
|
|
Welche Anzeichen weisen auf Rückenprobleme hin? Woran erkennen Sie, ob der Rücken Ihres Pferdes korrekt arbeitet oder seine Gesundheit gefährdet ist? |
|
Achtung: die meisten dieser Symptome können auch andere Ursachen haben, allen voran Reiterfehler oder unpassende Ausrüstungsgegenstände. Treten aber mehrere solcher Symptome auf, sollten Sie hellhörig werden und das Schwingen des Rückens Ihres Pferdes einer kritischen Prüfung unterziehen. Nachfolgend finden Sie einige Beispiele, welche Anzeichen auf Rückenprobleme hindeuten können: |
|
|
Diese 6jährige Stute liess nach der Geburt ihres 2. Fohlens den Rücken durchhängen (s. Foto links oben). Bei genauer Betrachtung schwingt der Rücken zwar, aber nach unten! Gerade bei Mutterstuten ist dieses Phänomen recht verbreitet. Die durch das Durchhängen lassen des Rückens verursachten Probleme äussern sich bei diesem Pferd in einer widernatürlichen Haltung des Halses (Hals wird nicht fallen gelassen, sondernnach unten gestreckt) und dem verhaltenen Gang (die Hinterhand wirkt sehr steif) mit allgemeiner Unzufriedenheit (Schweif schlagen). Unter dem Sattel (s. Foto links unten) zeigt sich das Problem etwas anders: Das Pferd wölbt auch hier den Rücken nicht ganz korrekt auf, durch die gute reiterliche Einwirkung wird das Problem jedoch leicht kaschiert. Deutlich ist jedoch, dass die Stute sich nicht locker an die Hand herandehnt (die Nackenmuskeln tragen den Hals nicht). Auch der Schweif wird leicht eingeklemmt. Das Pferd geht auf der Vorhand. Zur Korrektur wurde die Stute über mehrere Monate gymnastizierend longiert. Über die Längsbiegung wurden die Rückenmuskeln gelöst sowie das Pferd motiviert, seine Oberlinie zu dehnen und den Hals fallen zu lassen. Der Rücken ist nun im hinteren Bereich deutlich besser aufgewölbt (s. Foto recht oben) und schwingt korrekt nach oben, der Hals dehnt sich, an den Nackenmuskeln passiv aufgehängt, in natürlicher Weise in die Tiefe. Obwohl der Schweif noch nicht gut getragen wird, ist die Hinterhand deutlich aktiver geworden. Die Stute federt wieder durch die Hankengelenke, so dass der Gang schwungvoller wird. Der Effekt zeigt sich noch viel deutlicher unter dem Sattel (s. Foto rechts unten). Das Pferd wurde nach der Korrektur an der Longe erst wenige Male kurz geritten. Es wölbt den Rücken aber deutlich stärker auf, lässt den Hals fallen (Nackenmuskulatur wird sehr viel "voller") und tritt mit dynamischen, schwungvollen Bewegungen nach vorne. Auch der Schweif wird jetzt etwas besser getragen. Dieses Pferd ist auf dem richtigen Weg, jedoch noch nicht am Ziel: Das Genick wird noch oft zu tief getragen, was sich aber mit der Zeit durch die verbesserte Losgelassenheit und die Verbesserung der Hankenbiegung verlieren wird.
|
![]()
|
|
Dieses Pferd hat ein anderes Problem. Mit einem schwachen Nervenkostüm ausgerüstet, neigt es dazu, sich innerlich und äusserlich zu verspannen. Dazu kommen seine schmalen Wirbelquerfortsätze, die wenig Ansatzmöglichkeiten für einen kräftigen Muskelaufbau bieten. Soweit fast schon ein "typisches" edles Sportpferd. Und als ob das nicht schon genug wäre, leidet das Pferd zusätzlich unter einer durch eine Arthrose verursachte spinalen Ataxie (ein Halswirbel, der bei starken Bewegungen auf die Nervenbahnen des Marks drückt und so zu Bewegungsstörungen führt, sog. Wobbler-Syndrom). Obschon mit einer guten Grundrittigkeit ausgestattet, neigt dieses Pferd je nach Tagesform zu schlechtem Annehmen der treibenden Hilfen und entsprechend verhaltenem Gang, deutlich zu sehen auf den Bildern 1 und 2. Denn sind die Rückenmuskeln dieser Stute nicht vollkommen entspannt und dehnt sie ihre Nackenmuskeln nicht, ist ihr Rücken trotz ihrer Grösse zu schwach, um einen Reiter problemlos tragen zu können! Daher ist es bei solchen Pferden ganz besonders wichtig, sie korrekt auszubilden und zu reiten, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Lösen der Muskulatur und dem guten Schwingen lassen des Rückens liegen muss. Auch bei diesem Pferd konnte mit gymnastischer Longenarbeit (s. Foto 5) viel erreicht werden. Der Rücken ist kräftiger geworden, die treibenden Hilfen werden besser angenommen und der Gang ist deutlich schwungvoller. Trotzdem ist die Tendenz zu Rückenproblemen noch immer gut sichtbar. Das Pferd neigt nämlich dazu, seine Nackenmuskeln übermässig zum Tragen der Reiterlast zu Hilfe zu nehmen (s. Foto 3). Dies tut es, um seinen immer noch zu schwachen Rücken zu entlasten. Dieses zu tief kommen hat also nichts mit einer festen Reiterhand zu tun. Das Pferd schwingt trotzdem gut über den Rücken, was es jedoch sehr anstrengt, so dass es mit dem Genick "abtaucht", selbst wenn der Zügel durchhängt. Übermässiges Training oder Haltungskorrekturen mit der Hand würden hier nur die verbesserte Rückentätigkeit wieder gefährden. Daher benötigt ein solches Pferd besonders viel Einfühlungsvermögen. Mit gymnastischer Longenarbeit wird das Pferd weiterhin intensiv gymnastiziert, um die Rückentätigkeit noch weiter zu verbessern und mehr Muskulatur aufzubauen. Geritten wird in kurzen Reprisen, oft nur 20 - 30 Minuten, also möglichst ohne den Rücken zu ermüden. Nur so ist auch eine korrekte Haltung wie auf Foto 4 und 6 zu erreichen. Solche Probleme sind also nicht von heute auf morgen zu lösen, sondern erfordern ein durchdachtes Training über viele Monate hinweg. |
![]()
|
|
|
|
|
Für das ungeübte Auge ist dieses Schwingen des Pferderückens nicht ganz einfach zu erkennen. Videoaufnahmen, in Zeitlupe betrachtet, vereinfachen die Beurteilung. Es gibt dabei einige Indizien, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Rückenprobleme hinweisen. Und so erkennen Sie, ob der Rücken Ihres Pferdes korrekt nach oben schwingt: |
|
(Am leichtesten ist die
Rückentätigkeit beim Longieren ohne Sattel und ohne Hilfszügel zu erkennen).
Beim korrekt schwingenden Rücken
Leider ist der schwingende Rücken allein keine Garantie dafür, dass der Rücken des Pferdes gesund ist. Umgekehrt darf ein mangelhaft schwingender Rücken keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. Ist die Rückentätigkeit bereist sicht- und beim Reiten spürbar eingeschränkt, liegt ein gesundheitliches Problem vor! |
|
|
Dieses Pferd zeigt einige Merkmale massiver Rückenprobleme:
|
![]()
|
|
Bei diesem Pferd ist die Rückentätigkeit weitgehend korrekt:
|
|
|
Ein Märchen ist dagegen die weit verbreitete Annahme, dass man vom Mitschwingen des Reiters in der Mittelpositur auf die Rückentätigkeit des Pferdes schliessen könne. Dies ist mitnichten der Fall.
Der Reiter ist bei der Beurteilung der Rückentätigkeit des Pferdes auch deshalb ein höchst unsicherer Faktor, weil sehr viele Reiter
Im Zweifelsfall ist also immer das Pferd ohne störenden Einfluss des Reiters zu beurteilen. |
|
|
Pferde mit unerkannten Rückenbeschwerden fristen oft ein trauriges Dasein. Nicht nur, dass sie ihre natürliche Beweglichkeit einbüssen. Darüber hinaus werden sie oft zu Leistungen angehalten, die sie aufgrund des Zustandes ihres Rückens nicht oder nur unter Schmerzen erbringen können. Wer selbst an Rückenbeschwerden leidet, kann sich ein Vorstellung davon machen, was es bedeutet, unter Schmerzen nicht nur zu arbeiten, sondern auch noch Lasten zu schleppen. |
|
|
Selbstverständlich übertragen sich Rückenschmerzen zwischen Pferd und Reiter auch wechselseitig. Deshalb liegt es vor allem bei Reitern mit eigenen Rückenproblemen in ihrem ureigensten Interesse, den Rücken ihres Pferdes so gut wie möglich zu stärken und zum schwingen zu bringen. |
|
|
Rückenprobleme müssen nicht chronisch werden und schon gar nicht zur Unbrauchbarkeit des Pferdes führen, vorausgesetzt, sie werden rechtzeitig erkannt. Auch Pferde mit älteren Rückenprobleme können oftmals erfolgreich therapiert werden und noch jahrelanges Reitvergnügen bieten, sofern sie richtig gymnastiziert werden. Rückenprobleme allerdings einfach als gegeben zu betrachten und zu hoffen, dass sie von selbst verschwinden, ist Augenwischerei und könnte gar als Tierquälerei verstanden werden. Genauso abzulehnen ist es, Symptome von Rückenbeschwerden oder chronischen Schäden mit Schmerzmitteln oder Entzündungshemmern abzustellen und auf dem derart "zum Schweigen gebrachten" Pferd weiterzureiten, bis sein Rücken vollständig unbrauchbar ist. |
|
|
Wie kann nun aber das so wichtige Schwingen des Pferderückens erreicht und das Pferd zu einer gesunden Rückentätigkeit ermuntert werden? Das ist nur möglich, wenn ein Pferd gelernt hat, sich und das Reitergewicht physiologisch korrekt zu bewegen. Dazu benötigt jedes Pferd eine entsprechende Ausbildung. |
|
|
In unseren Kursen vermitteln wir Ihnen alle nötigen anatomischen Voraussetzungen, um ein Pferd gesundheitsverträglich zu arbeiten. Sie erkennen wichtige Zusammenhänge und lernen, wie Sie den Rücken Ihres Pferdes an der Longe und unter dem Sattel dauerhaft zum Schwingen bringen. Damit Ihr Pferd mit Freude für Sie arbeiten kann und Sie wieder den Spass am Reiten haben, den sie sich für Ihr Hobby erhofft haben. Die Einzelheiten zu unseren Kursen finden Sie unter "Kursprogramm". |
|
Copyright by Kirsten Jung. Auszüge und Nachdruck, auch nur teilweise, ohne schriftliches Einverständnis verboten!